Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Krieg und Frieden in Jerusalem

Mein Großvater, der in Belarus lebte, war ein sehr religiöser Mann. Als ich ein Kind war, hat er mir oft von Jerusalem erzählt. Obwohl ich damals erst fünf oder sechs Jahre alt war, erinnere ich mich lebhaft an die Emotionen in seinen Worten. Er sehnte sich danach, Jerusalem zu fühlen, sich mit ihm zu vereinen. Schon das bloße Gespräch darüber ließ seine Augen leuchten. Mein Großvater wurde im Exil geboren und starb auch dort. Als ich dann nach Israel kam und nach Jerusalem hinaufstieg, erinnerte ich mich an seine Geschichten, und sobald wir den Aufstieg in die Berge Jerusalems begannen, fühlte ich seinen Geist mit mir; ich verwirklichte den Traum meines Großvaters. Das hat mich tief bewegt.

Bedauerlicherweise ist das heutige Jerusalem sehr weit vom Jerusalem der Träume meines Großvaters entfernt. Das hebräische Wort für Jerusalem, Yerushalaim, ist eine Kombination aus zwei Worten: Ir [Stadt] Shlema [ganz/vollständig], was „eine Stadt der Ganzheit“ oder „eine Stadt der Vollständigkeit“ bedeutet. Auch das Wort Schalom [Frieden] kommt von Schlemut [Ganzheit] oder Hashlama [Vollständigkeit) wird Jerusalem auch als Ir Shalom [Stadt des Friedens] bezeichnet. Offenbar gibt es in Jerusalem aber weder Ganzheit noch Vollständigkeit, und schon gar keinen Frieden. Im Gegenteil, es herrscht Spaltung, Zank und Hass. König David – der in Psalm 122 schrieb, dass Jerusalem als eine Stadt gebaut wurde, die zusammenhält – wäre nicht glücklich, wenn er sähe, dass Jerusalem zu einem Symbol des Konflikts geworden ist, zu einem Zentrum des religiösen Fanatismus und des Blutvergießens.

Doch trotz der Intoleranz wird die Stadt das werden, wozu sie bestimmt war – ein Zentrum des Friedens und der Ganzheit, ein Zentrum der Heilung für eine gepeinigte Welt. Im Buch Zohar steht über Jerusalem geschrieben (Pinhas, 152): „Jerusalem (ist) unter den übrigen Ländern wie das Herz unter den Organen. Deshalb befindet es sich in der Mitte der ganzen Welt, wie das Herz, das sich in der Mitte der Organe befindet.“

Jerusalem als zentraler Ort für Judentum und Christentum und als wichtiges Zentrum für den Islam spiegelt die Beziehungen zwischen den Religionen wider. Da es keinen Frieden unter ihnen gibt, wird das Zentrum, in dem sich die drei Religionen treffen, zum Brennpunkt der Reibungen unter ihnen und damit zum Zentrum der Feindseligkeiten. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Stadt von allen drei rivalisierenden Religionen regiert, wobei die Herrschaft immer durch Krieg erreicht wurde. Jerusalem wird eine Stadt der Ganzheit und des Friedens werden, die Frage ist aber, wie lange wir brauchen werden, um aus ihr das zu machen, wozu sie bestimmt ist, und wie sehr wir dabei leiden werden.

Der Grund dafür, dass Israel gegenwärtig in Jerusalem regiert, liegt darin, dass das Volk Israel die Bürde hat, „ein Licht für die Völker“ zu sein, Einheit und Frieden in die Welt zu bringen. Die wichtigste Regel der Tora lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Israel muss dies umsetzen und ein Beispiel für den Rest der Welt sein. Nur wenn Israel dies tut, wird der Rest der Welt folgen.

Für eine kurze Zeit im Altertum hat Israel genau das getan. Während des 3. Jahrhunderts v. Chr. herrschte relative Ruhe in der Nation. Dreimal im Jahr zogen die Juden nach Jerusalem hinauf, um die Wallfahrtsfeste zu feiern: Sukkot, Pessach und Schawuot (Fest der Wochen). Die Wallfahrten dienten vor allem dazu, die Herzen der Menschen zu vereinen. Flavius Josephus schreibt in seinem Buch Die Altertümer der Juden, dass die Pilger “ ihre Bekanntschaften … aufrechterhielten, indem sie sich miteinander unterhielten, einander sahen und miteinander sprachen, und so die Erinnerungen an diese Vereinigung erneuerten.“

Als sie Jerusalem betraten, wurden die Pilger mit offenen Armen empfangen. Die Stadtbewohner empfingen sie in ihren Häusern und behandelten sie wie eine Familie. Die Mischna (Bikurim 3) preist diese außergewöhnliche Zusammengehörigkeit: „Alle Handwerker Jerusalems würden vor ihnen stehen und sich nach ihrem Wohlergehen erkundigen: ‚Unsere Brüder, Männer aus diesem und jenem Ort, seid ihr in Frieden gekommen?‘ und die Flöte würde vor ihnen erklingen, bis sie am Tempelberg ankämen.“ Im Buch Avot von Rabbi Natan steht geschrieben, dass jedes materielle Bedürfnis jedes Menschen, der nach Jerusalem kam, vollständig erfüllt wurde. „Niemand sagte zu seinem Freund: ‚Ich konnte in Jerusalem keinen Ofen finden, auf dem ich Opfergaben braten konnte‘ … oder ‚Ich konnte in Jerusalem kein Bett finden, in dem ich schlafen konnte.'“

Während diese Feste der Verbindung andauerten, wurde Israel „zu einem Licht für die Nationen“. Das Buch Sifrey Devarim (Pos. 354) beschreibt detailliert, wie Menschen aus anderen Nationen „nach Jerusalem hinaufgingen und Israel sahen … und sagten: ‚Es ziemt sich, nur an dieser Nation anzuhaften.'“

Als Ptolemäus II. Philadelphus, König von Ägypten zudem von der Einheit der Juden hörte, wollte er ihre Weisheit erlernen. Ptolemäus lud siebzig Weise aus Jerusalem in seinen Palast in Alexandria ein, um ihre Bücher ins Griechische zu übersetzen. Doch bevor er sie los schickte, um das zu verfassen, was heute als Septuaginta – die erste Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische – bekannt ist, erkundigte sich Ptolemäus bei ihnen nach ihrer Weisheit und vor allem danach, wie er als Herrscher von ihr profitieren könnte. In Die Altertümer der Juden (Buch XII) schreibt Josephus, dass Ptolemäus zwölf Tage lang mit den hebräischen Weisen zusammengesessen und ihnen „eher politische Fragen gestellt hat, die sich auf die gute … Regierung der Menschheit bezogen.“ Ptolemäus war „entzückt, als er die Gesetze vorgelesen bekam, und war erstaunt über den tiefen Sinn und die Weisheit des Gesetzgebers“, schreibt Josephus.

Und schließlich, „als sie alle Probleme erklärt hatten, die der König zu jedem Punkt vorgebracht hatte, war er mit ihren Antworten sehr zufrieden“, schließt Josephus. Außerdem schreibt der Historiker, dass Ptolemäus bezeugte, dass „er durch ihr Kommen sehr große Vorteile gewonnen hatte, da er durch sie erfuhr, wie er seine Untertanen regieren sollte.“

Bedauerlicherweise hatte die Einheit Israels keinen Bestand. Interne Spaltung und Konflikte zerstörten das Land, und das Volk wurde wegen seines Hasses gegeneinander ins Exil getrieben. Jetzt, wo wir wieder in Israel sind, liegt die Last des Beweises wieder auf unseren Schultern, um zu zeigen, dass wir würdig sind, „ein Licht für die Völker“ zu sein, das Zentrum der Einheit, dessen Herz Jerusalem ist.

#jerusalem #Krieg #Frieden

 

 


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