Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Ein Friedensvertrag oder nur Stückwerk?

Der neue Begriff für einen Friedensvertrag ist „Normalisierungsabkommen“. In den letzten Monaten hat Israel mehrere solcher „Verträge“ unterzeichnet, und weitere sind in Arbeit. Ich bin für Frieden, aber ich fürchte, dass die derzeitige Art wirklich bedeutet, dass die Länder nur ein Stück vom Kuchen haben wollen: von den wirtschaftlichen und technologischen Vorteilen des jeweils anderen zu profitieren. Das ist kein wirklicher Frieden und wird Israel keinen Seelenfrieden geben.
Oberflächlich betrachtet scheint es, als ob die arabischen Länder endlich begriffen haben, dass Israel zwar ein kleines Land ist, aber einen bedeutenden Einfluss auf das Geschehen in der Welt hat, und es sieht nicht so aus, als ob es in absehbarer Zeit verschwinden würde, wie unsere Feinde es sich wünschen. Obwohl Israel nicht sehr beliebt ist, ist sein Einfluss in jedem Land und jeder Region der Welt zu spüren. Das heißt die diplomatischen Beziehungen zu Israel sind für jedes Land von Bedeutung.

All das ist Teil des globalen Prozesses, den wir gerade durchlaufen. Die Globalisierung ist ein Zug, der sich auf den Weg gemacht hat und nicht mehr aufgehalten werden kann. Sie verbindet uns immer enger, und obwohl einige von uns immer noch glauben, dass wir uns im Mittelalter befinden und uns gegenseitig mit Pferden zertrampeln und unsere Feinde mit Speeren durchbohren können, ohne die Konsequenzen unserer Missetaten zu tragen, beweist die Realität das Gegenteil. Die Nationen beginnen zu begreifen, dass es in einem Krieg nur Verlierer gibt, und dass Diplomatie immer lukrativer ist als Blutvergießen. Deswegen, und weil wir immer mehr miteinander verbunden und voneinander abhängig werden, fällt es auch muslimischen Ländern schwerer, ein historisches und menschliches Phänomen wie Israel zu beleidigen.

Doch trotz der scheinbaren Normalisierung der Beziehungen und der Atempause in offener Feindschaft glaube ich nicht, dass diese Friedensverträge Israel in irgendeiner sinnvollen Weise zugute kommen werden. Bei allem Respekt, ich sehe den Frieden anders als die Presse. Während diese Normalisierungsabkommen bewaffneten Konflikten vorzuziehen sind, glaube ich nicht, dass sie uns der wirklichen Korrektur der Beziehungen, die wir zu schließen haben, näher bringen, und für Israel ist das eine schlechte Nachricht. Israel muss nur einen einzigen Friedensvertrag unterzeichnen: Frieden in sich selbst, unter seinem eigenen Volk.

Im Hebräischen kommt „Schalom“ (Frieden) von dem Wort „shlemut“ (Vollkommenheit). Es bedeutet, dass es nur dann Frieden geben kann, wenn es Vollständigkeit unter allen Menschen in der Nation gibt, wenn sie nicht versuchen, sich gegenseitig zu eliminieren, sondern sich gegenseitig zu ergänzen und dadurch eine Vollständigkeit zu schaffen, die größer und stärker ist als jeder einzelne von ihnen, die aber von allen zusammen aufgebaut, erhalten und gestärkt wird.

In diesem Sinne hat der Frieden nichts mit den Beziehungen Israels zu anderen Ländern zu tun; diplomatische Beziehungen sind hier irrelevant. Das Händeschütteln mit arabischen Führern ist großartig für das Geschäft, aber das ist alles, was es ist, ein Geschäft. Und wie alle Geschäftsabschlüsse werden sie nur so lange Bestand haben, wie sie ein gutes Geschäft sind. Wenn sie das nicht sind, werden sie sich auflösen. Vor fast zwanzig Jahren löste sich unser Normalisierungsabkommen mit Marokko auf, da Marokko Israels Politik im Westjordanland ablehnte. Jetzt, obwohl sich Israels Politik nicht wesentlich geändert hat, hat Marokko die Normalisierung wieder eingeführt. Mit anderen Worten: Wenn es gut fürs Geschäft ist, gibt es Frieden; wenn es schlecht fürs Geschäft ist, gibt es keinen Frieden.

Wie ich oben erwähnte, wird Israel nur dann Frieden finden, wenn seine Menschen untereinander Frieden schließen, indem sie lernen, sich gegenseitig zu ergänzen, anstatt bis zum Tod miteinander zu konkurrieren. Wenn wir das erreichen, wird der Rest der Nationen kommen und lernen, genau wie sie es in der Antike taten, als, laut dem Buch Sifrey Devraim, die Nationen „nach Jerusalem hinaufgingen und Israel sahen … und sagten: ‚Es ist schicklich, sich nur an diese Nation zu halten.'“

Das Volk Israel hat eine einzigartige Methode, eine „Technik“ zur Überwindung des Egoismus bekommen. Sie haben von ihren Vorvätern gelernt, dass man, um wirklichen Frieden zu schließen, die Unterschiede bewahren und gleichzeitig für die Einheit als Lösung für die Streitigkeiten eintreten muss. Auf diese Weise schafft man eine geeinte Nation, die aus unzähligen Gegensätzen besteht. Solange die Juden ihre Einheit über ihren Unterschieden aufrechterhalten konnten, waren sie unbesiegt. Ihre Vielfalt an Ansichten und ihre selbstbewusste Einheit machten sie unüberwindbar. Aber sobald sie ihre unterschiedlichen Ansichten den Ton angeben ließen, zerfielen sie, zerstreuten sich und wurden zum Gespött der Nationen.

Gleichwohl haben die Juden immer noch die Methode, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Das ist der Grund, warum, wo immer ein Krieg ausbricht, die Gegner ihn den Juden anlasten. Es liegt nicht daran, dass die Gegner die Juden als leichte Sündenböcke benutzen, wie manche Juden glauben; es liegt daran, dass die Menschen wirklich das Gefühl haben, dass die Juden für den Hass in der Welt verantwortlich sind. Mit anderen Worten, sie sagen, wenn die Juden wollten, könnten sie der Welt Frieden bringen.

Solange jedoch die Juden keinen Frieden unter sich selbst schließen, werden sie nicht wissen, wie wichtig ihr Frieden für den Rest der Welt ist. Sie müssen ihn zuerst umsetzen, und die Ergebnisse werden später kommen.

Bis dahin werden wir uns mit Verträgen begnügen müssen, um Stücke des Kuchens zu bekommen, statt mit echtem Frieden.

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