Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Kann man einen Abgrund überwinden, den niemand überwinden will?

Es steht geschrieben: “ Wo es keine Menschen gibt, versuche, ein Mensch zu sein“ (Mischna, Avot, 2:5). Dieses Sprichwort scheint sehr passend in einer Zeit, in der die Menschen jegliches Vertrauen ineinander und in die Autoritäten verloren haben und in der sie sich in Bezug auf die Zukunft hoffnungslos fühlen. Wir durchleben gerade ein hartes Erwachen, eine Abrechnung mit der Brüchigkeit unserer Gesellschaft.

Die Demokratie hat einmal mehr ihre Verwundbarkeit bewiesen. Italien war eine Demokratie, bevor es dem Faschismus zum Opfer fiel. Deutschland war eine Demokratie, bevor es dem Nationalsozialismus erlag. Selbst die Gründer des chinesischen Kommunismus hatten ursprünglich die Absicht, eine Demokratie zu gründen. Der berühmte Historiker Maurice Meisner schrieb über Mao Zedong: „Weder die Begriffe ‚Sozialismus‘ noch ‚Bolschewismus‘ erschienen in Maos ‚Manifest‘. Vielmehr war es ‚Demokratie‘, die Mao als ‚grundlegende Ideologie‘ des Widerstands gegen Unterdrückung bezeichnete.“ Nun scheint es, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die gleiche Tortur durchmachen, in der ein Traum zu einem Albtraum wird.

Muss die Demokratie immer scheitern? Warum scheint der Totalitarismus sie immer zu überwältigen? Wenn wir das verstehen, verstehen wir vielleicht auch, wie wir unsere in Agonie befindliche Gesellschaft retten können.
Ob es uns gefällt oder nicht, unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Ansichten. Es wird niemals eine Gleichheit der Ideen in irgendeiner Gesellschaft zu irgendeiner Zeit geben, weil, wie unsere Weisen sagten (Midrasch Rabbah, 21:2): „So wie ihre Gesichter nicht ähnlich sind, so sind auch ihre Ansichten nicht die gleichen. Vielmehr hat ein jeder seine eigene Meinung.“ Wie bestimmen wir also, wer Recht hat, wenn wir dazu bestimmt sind, unterschiedlich zu sein? Warum muss meine Meinung richtig und die Meinung des anderen falsch sein, wenn keiner von uns den anderen überzeugen kann? Gibt es einen Fehler im System?

Nein, es gibt keinen Fehler. Der Fehler liegt in unserem Verständnis des Systems. Es gibt keine Ähnlichkeit der Ansichten, da dies nicht beabsichtigt ist. Vielmehr soll es Vielfalt geben! Noch einmal: Unterschiedliche Meinungen sind keine Meinungsverschiedenheiten; sie sind Vielfalt!

Weshalb ist Vielfalt notwendig? Ohne Vielfalt gibt es keine Evolution, kein Wachstum, kein Leben. Alles existiert nur durch verschiedene, in der Regel gegensätzliche Elemente, die zusammenwirken, um das System, das sie bewohnen, aufrechtzuerhalten. Von den Atomteilchen bis zu den Galaxien, besteht das gesamte Universum aus Gegensätzen, die miteinander kooperieren, um das System, in dem sie leben, aufrechtzuerhalten.

Auch Tiere töten sich gegenseitig wegen ihrer Nahrung, erhalten jedoch dadurch die Gesundheit und garantieren damitsogar das Überleben der Arten, die sie jagen. Wir leben in einer Welt der Widersprüche, denn nur Widersprüche garantieren Entwicklung und Fortschritt.

Aber wir, die Menschen, bilden die Ausnahme. Wir errichten Demokratien, gerade weil wir Vielfalt und die Notwendigkeit von Meinungsunterschieden als Grundlage für Fortschritt schätzen, doch wir kapitulieren vor unseren Egos und bestimmen, dass nur unsere Sichtweise richtig ist. Während unsere Egos die Kontrolle übernehmen, verlieren wir die Tatsache aus den Augen, dass das Unterdrücken von Vielfalt ein Todesurteil für uns selbst und für die Gesellschaft ist. Wieso können wir nicht erkennen, dass es gerade die gegenteilige Meinung ist, die unsere eigene Meinung wichtig macht? Wieso können wir nicht erkennen, dass es mein ideologischer Widersacher ist, der meiner Ideologie Bedeutung verleiht?

Wenn wir uns gegenseitig zum Schweigen bringen, bringen wir nicht nur uns selbst zum Schweigen, sondern auch unseren Verstand und unsere Herzen und werden schließlich unsere Gesellschaft und unser Leben zerstören. Nichts kann gefährlicher sein als der Glaube, dass nur ich Recht habe und jeder, der anderer Meinung ist als ich, falsch liegt.

Mensch sein, bedeutet, um auf das einleitende Sprichwort zurückzukommen, sich für die Vielfalt einzusetzen, auch wenn alle darüber schimpfen. Es bedeutet, nicht zu denken, dass nur meine Ansicht richtig ist, sondern meine Ansicht aufrechtzuerhalten, weil dies meine Seite der Brücke ist, während ich die Tatsache schätze, dass andere Menschen, die andere Ansichten vertreten, die andere Seite der Brücke aufrechterhalten. Der Name der Brücke ist Vielfalt, und wir schaffen sie, indem wir uns für die Vielfalt der Ansichten einsetzen. Nur so können wir beginnen, Fortschritte zu machen.

So wie wir nicht nur auf einem Bein gehen können, sondern beide Beine brauchen, um vorwärts zu kommen, so brauchen unsere Meinungen einander, damit wir als Gesellschaft vorankommen können. Wo es keine Menschen gibt, da gibt es keine Brücken zwischen ihnen. Bauen Sie sie, und seien Sie ein Mensch.


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