Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Holocaust-Gedenken – Blick in die Zukunft

Der Holocaust hat mich von klein auf stark geprägt. Ich wurde in Weißrussland geboren, an dem selben Ort, an dem die Nazis schreckliche Gräueltaten an den Juden verübt haben. Und gerade in Witebsk, der Stadt meiner Kindheit, gab es ein Ghetto und ein Vernichtungslager, in dem viele meiner Verwandten umgebracht wurden. Diese Geschehnisse blieben in meiner Familie immer präsent – ich hörte von ihnen, als ich klein war. Ich wurde von jenen auf- und erzogen, die gerettet worden waren und die die Geschichten der Umgekommenen erzählen konnten. So hat die Shoah in mir eine unvergängliche Prägung hinterlassen, da sie ein integraler Bestandteil meiner Erziehung war.

Für Menschen, die über diese Zeitzeugnisse nicht direkt von Überlebenden oder ihren Verwandten gehört oder über diese Geschehnisse nicht im Geschichtsunterricht gelernt haben, hat der Holocaust jedoch keine besondere Bedeutung. In der Tat verblasst die Erinnerung an dieses schreckliche Kapitel oder bleibt weitgehend unbekannt. Eine Umfrage, die letztes Jahr von der Konferenz über jüdische materielle Ansprüche gegen Deutschland durchgeführt wurde, ergab, dass 63 % der so genannten Generation“Millennials“ und „Gen Z“ in den USA nicht wissen, dass sechs Millionen Juden während des Holocausts getötet wurden.

Wenn wir einen weiteren Holocaust-Gedenktag begehen, können wir nicht ihnen die Schuld dafür zuschreiben, wenn seine Bedeutung verblasst. Selbst bei meinen mehrfachen Besuchen in Deutschland habe ich eine gemeinsame Sprache mit Deutschen meiner Generation gefunden, die auf die eine oder andere Weise über dieses Thema dachten, aber für die jüngere Generation gab es keinen Gesprächspunkt, kein Interesse. Und diese Situation ist überall ähnlich. Die Jugend will sich nicht an die Shoah erinnern oder gar darüber reden. Sie spüren keine Verbindung zu ihr und wollen ihr Leben fortsetzen, ohne zurückzuschauen. Das ist verständlich.

Zerfall ist ein natürlicher Teil unseres Lebens. Was nicht vor unseren Augen ist, beginnt seinen Wert zu verlieren. Um es wenigstens einigermaßen zu bewahren und zu erhalten, müssen wir es wiederbeleben und ihm Bedeutung verleihen, als wäre es hier und jetzt. Es gibt zwar Fahrten für Jugendliche zu den Konzentrationslagern in Polen, Heritage-Touren nach Yad Vashem und zu verschiedenen Museen, aber ich glaube nicht, dass sie es schaffen, sich in das Gedächtnis der jungen Generation einzuprägen. Selbst die verschiedenen Zeremonien und Veranstaltungen, die eine emotionale Erinnerung hervorrufen sollen, nehmen meist die Form eines theoretischen und politischen Diskurses an. Auf diese Weise kann keine Geschichte bewahrt werden.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem wir nachdenken und entscheiden müssen, wie wir mit dem Holocaust umgehen, sowohl mit seiner Ursache als auch mit seinen Folgen. Dies ist ein entscheidender Schritt. Ich stimme nicht mit der Haltung überein, die uns dazu drängt, uns zurückzulehnen und unser bitteres Schicksal zu bedauern, auch nicht mit jener, die dazu aufruft, stolz darauf zu sein, dass wir ein starkes und erfolgreiches Land haben und dazu, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen.

Unsere Einstellung sollte sich ändern. Jedoch darf man sich keinerlei Veränderung erwarten. Wir müssen diese Veränderung, was unseren Umgang mit dem Thema Holocaust und Judenhass betrifft, in und unter uns selbst vorantreiben. Wie? Zuerst müssen wir lernen, wer das Volk Israel ist, warum es „Israel“ genannt wird und was seine Aufgabe und Mission ist. Warum haben sie als Volk über Generationen hinweg überlebt, obwohl sie unaufhörlich verfolgt worden sind? Warum hat die Menschheit ihnen fortwährend einen Schuldvorwurf gemacht? Die Antworten auf diese Fragen sind die Grundfesten unserer Nation – ohne sie werden wir die unaufhörliche Verfolgung der Juden nicht verstehen und wir werden die abgrundtiefe Feindseligkeit uns gegenüber sicherlich nicht beenden können.

Warum gibt es Hass gegen Juden? Seit den Tagen Abrahams, ist durch die Brüderliche Liebe, die in den Tagen des Tempels unter ihnen erblühte, ein großes spirituelles Verlangen in den Juden eingepflanzt, das sie in Richtung des Ziels der Schöpfung zieht, in Richtung Einheit und Harmonie, die die Welt so dringend braucht – doch bisher hat sich dies noch nicht entfaltet und verwirklicht. Wie unsere Weisen es ausgedrückt haben: „Wenn in Israel Liebe, Einheit und Freundschaft zwischen den Menschen herrscht, kann kein Unheil über sie kommen.“ (Rabbi Kalman Kalonymus, Maor va Shemesh)

Die Völker der Welt fühlen unbewusst, dass die Juden diese besondere Eigenschaft nicht mit ihnen teilen, dieses einzigartige Potential zur Entwicklung, diese Methode der spirituellen Verbindung, und so geht der Hass auf die Juden von diesem Gefühl der Frustration aus. Antisemitismus ist also ein globales Phänomen, das jede Nation in mehr oder weniger starkem Ausmaß betrifft. Manchmal geht der Hass zurück, manchmal bricht er aus, aber er ist immer da, latent, tief verwurzelt, wie ein Naturgesetz.

Die mächtigen Kräfte der Natur lassen sich in zwei Grundzügen, die seit Beginn der Schöpfung bestehen, zusammenfassen: die Eigenschaft des Gebens und im Gegensatz dazu die Eigenschaft des Empfangens. Das Volk Israel trägt in sich die Fähigkeit, diese beiden gegensätzlichen Kräfte zu verbinden und sie in ein Gleichgewicht zu bringen, in eine gegenseitige Ausgewogenheit, und eine dritte Kraft dazwischen zu schaffen, in der sich der Schöpfer, die höchste Macht der Natur, offenbart. Wenn eine solche Kraft, zuallererst durch die Juden, erlangt wird, wird der Antisemitismus zurückgehen. Wie es im Midrasch (Tanchuma, Devarim [Deuteronomium]) geschrieben steht: „Israel wird nicht erlöst werden, so lange sie nicht alle ein Bündel sind.“ Das sollten wir nie vergessen.

#HolocaustGedenktag #nievergessen #YomHaShoah

 

 


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