Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Die Kultur des gegenseitigen “Auslöschens” oder wie wir lernen können einander zu akzeptieren

Sollten wir Menschen und ihre Ideen auslöschen, wenn wir mit ihnen nicht einverstanden sind? Dies ist zum Dilemma unserer Zeit geworden. Die so genannte „Cancel-Kultur“, die darin besteht, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Unterstützung für ihre Meinungen oder Handlungen zu entziehen, ist bereits ein Trend, der das Internet überschwemmt. In Zeiten, in denen sich das Leben aller um die gleichen Kämpfe und Herausforderungen dreht, müssen wir unsere Spaltungen aufheben. Stattdessen sollten wir uns unsere Unterschiede anerkennen machen und ein Umfeld der Akzeptanz schaffen. Unser gemeinsames Schicksal steht auf dem Spiel.

Öffentliche Attacken auf Prominente, Wissenschaftler, Personen des öffentlichen Lebens oder Unternehmen wegen einer Äußerung, die als beleidigend angesehen werden könnte – sind zur neuen Norm in den soziale Medien geworden. Niemand bleibt von Aufrufen nach Beendigung der eigenen Karriere oder Strafen bis hin zum völligen Boykott verschont, wenn seine Ansichten bestimmten Gruppierungen nicht gefallen. Wo endet die Meinungsfreiheit und wo beginnt das Recht, andere zunichte zu machen?

Wir leben in einer Zeit, in der unser Ego – unsere egozentrische Vision – jede Grenze sprengt und jeglicher Zurückhaltung und Kontrolle entbehrt. Das Ego will andere nicht anhören oder abweichende Ansichten berücksichtigen. Es ist nicht bereit, Fakten oder kontroverse Themen auf zivilisierte Weise zu diskutieren. Mit anderen Worten: Wir haben kein Interesse daran, eine gemeinsame Idee zu bilden, uns auf halbem Weg (oder auch nur zu einem Bruchteil) zu treffen, um eine gemeinsame Basis zu finden. Das Ego gibt nicht so leicht auf, denn was für uns zählt, ist unser eigener Standpunkt. Das ist die einzige Wahrheit.

Die Abschaffung des Anderen ist so tief in die moderne Gesellschaft eingedrungen, dass es keine Chance auf eine Einigung, auf einen zivilisierten Gedankenaustausch oder auf einen fruchtbaren und bereichernden Diskurs gibt. Es ist sehr bedauerlich zu sehen, wie weit wir uns von einer Diskussionskultur entfernt haben, von aufrichtiger Offenheit und wie stur wir zunehmend sind. „Ich werde regieren“ ist der Ruf der Stunde.

Die Tendenz, andere auszuschalten, ist häufig auch in Fernseh-Talkshows und an runden Tischen zu beobachten. Die Gäste schreien ihre kurzen Attacken so schnell wie möglich heraus, weil andere sie sonst überhaupt nicht zu Wort kommen lassen. Es wird dazu ermutigt, Meinungen lauter, schärfer und schneller als der andere zu äußern. Logik und Inhalt spielen keine Rolle.

Öffentliche Einschüchterung oder kollektive soziale Wachsamkeit

Die Befürworter der Cancel-Kultur sehen darin ein nützliches Instrument, um akzeptable Parameter der sozialen Gerechtigkeit zu erhalten, aber wie kann die Gesellschaft auf der Grundlage objektiver Standards urteilen, wenn ihre eigene Perspektive voreingenommen ist und auf einer engstirnigen Vision beruht? Ein ausgewogener Dialog kann nur gewährleistet werden, wenn wir lernen, miteinander zu kommunizieren und einander zuzuhören – nicht durch Einschüchterung, sondern durch Aufnahmebereitschaft.

Das bedeutet nicht, dass es notwendig ist, etwas rückgängig zu machen oder eine Meinung aufzugeben. Wir müssen nur lernen, die Auseinandersetzungen und Konfrontationen so zu gestalten, dass sie ohne Sticheleien ausgetragen werden. Egal, um welches Thema es sich handelt, wir müssen ein Gespräch führen, das auf das Wohl der Öffentlichkeit und der Welt ausgerichtet ist, und nicht auf einen Kampf. Wenn wir aus der Absicht heraus sprechen, zu helfen, werden wir uns nicht gegenseitig zu Fall bringen, sondern wir werden gemeinsam nach dem richtigen Weg suchen. Wir müssen bei jedem Treffen einen Weg finden, um auf dem Weg zu einer besseren und rücksichtsvolleren Welt für alle voranzukommen.

Bitte verwechseln Sie dies nicht mit einer künstlichen Höflichkeit, denn angenehme Umgangsformen von heute sind den wachsenden Egos von morgen nicht gewachsen. Die neue Art der Kommunikation sollte auf der Entwicklung unserer inneren Fähigkeiten beruhen, uns mit anderen zu verbinden. Das bedeutet, dass wir unsere Absicht und unsere Denkweise ändern müssen: zum Nutzen und Förderung anderer, anstatt sie herabzusetzen und auszubeuten.

Die menschliche Gesellschaft verschlechtert sich immer weiter, und wir müssen begreifen, dass es aus dieser Situation nur dann einen Ausweg gibt, wenn wir lernen, richtig miteinander umzugehen.

Am Ende ist das einzige Verhalten, das wir aufgeben müssen, uns gegenseitig “auszulöschen”. Das ist alles, was uns trennt. Wenn wir ein solches Bewusstsein erreichen und uns bemühen, zu gegenseitigem Verständnis zu gelangen, wird unsere Gesellschaft ein viel angenehmerer Ort zum Leben sein.

#cancelculture 

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