Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Paradoxes Denken

Paradoxes Denken ist etwas, das verschiedene Systeme, wie Bildungssysteme oder verschiedene fortschrittliche Organisationen, zu fördern versuchen. Wir fühlen uns wohl, wenn die Dinge eindeutig sind, aber es stellt sich heraus, dass die Fähigkeit, widersprüchliche Ideen im Kopf zu behalten, den Verstand der Menschen sehr effektiv entwickelt. Paradoxes Denken trägt zur geistigen Gesundheit der Menschen, zur geistigen Entwicklung und zum Aufbau einer besseren Gesellschaft insgesamt bei. Aber was ist die höchste Stufe des paradoxen Denkens, die wir erreichen können? Lassen Sie uns einige Einsichten untersuchen.

Wenn wir uns auf ein System des Denkens beschränken, verwirren uns Widersprüche und erzeugen innere Kollisionen.
Durch das Entwickeln eines dualen Denksystem können wir einen Gedanken in einem System und einen völlig entgegengesetzten Gedanken im anderen aufrechterhalten. So können gleichzeitig komplette Gegensätze in uns existieren, da sich jeder Gedanke in einem anderen System befindet. Die Herausforderung besteht darin, zu wissen, wie ein zusätzliches System des Denkens aufzubauen ist. Genau darum geht es in der Weisheit der Kabbala.

Stellen Sie sich vor, es gäbe winzige Insekten, die die Dimension der Höhe nicht erfassen und nur nach ihrer Wahrnehmung der Oberfläche leben. Sie können sich in ihrem Raum von Seite zu Seite bewegen, aber nicht nach oben oder unten. Im Gegensatz zu ihnen haben wir eine andere Ebene der Wahrnehmung. Ein Mensch, der in einem Denksystem lebt fühlt die Welt ganz anders als einer, der in zwei Denksystemen lebt.

Es ist eine Sache, diesen Gedanken zu verstehen, aber ganz andere ihn zu verwirklichen. Dazu müssen wir evolutionäre Kräfte erwecken, die dieses System in uns entwickeln. Wir wissen nicht wirklich, was diese Kräfte sind und das brauchen wir auch nicht. Der Trick ist, wir müssen nur wissen wollen, wie man sich dieser evolutionären Kraft nähert und sie dazu bringt, in uns dieses fortgeschrittene System aufzubauen.

Ein gutes Beispiel für eine Übung zum Aufbau eines solchen dualen Systems ist die biblische Geschichte von der Anbindung Isaaks. Gott sagte zu Abraham über Isaak: „Durch Isaak sollen deine Nachkommenschaft benannt werden“ (1. Mose 21,12), was bedeutet, dass Isaak eigene Kinder haben und Abrahams Dynastie fortsetzen sollte. Aber andererseits wies Gott Abraham an, „ihn … als Brandopfer zu opfern“ (1. Mose 22,2), was die Fortsetzung von Abrahams Dynastie verhindern würde. Wie kann man solche widersprüchlichen Anweisungen unter einen Hut bringen? Hier muss ein Dritter eingreifen. In einem solchen Fall können wir uns nicht auf die Vernunft berufen, da sie uns in die eine oder andere Richtung lenken wird. Um den Konflikt zu schlichten, müssen wir „beschwören“, d.h. einen höheren Intellekt herbeirufen, von dem der Widerspruch also die Wurzel des Paradoxons ausging.

In der Weisheit der Kabbala wird die Wurzel, in der alle Konflikte versöhnt sind, „der Schöpfer“ genannt. Der Schöpfer ist die allgemeine Kraft in der Natur; er ist die Kraft, die die gesamte Realität aufrechterhält, die Wurzel des Universums und alles, was sich darin entwickelt, der Ursprung unseres Lebens. Letztendlich weist jeder Widerspruch genau auf ihn hin, auf die Quelle, aus der alles kommt und in der sich alles vereint.

Da wir die Gegensätze nicht mit unserem aktuellen Verstand verbinden können, müssen wir unseren Verstand durch einen „verbesserten“ Verstand ersetzen, den wir von dieser höheren Quelle erhalten. Auf diese Weise heben uns Paradoxe auf eine spirituelle Ebene.

Ein weiteres Paradoxon, das die Welt entwickeln kann, ist unsere Beziehung zu unserem wütenden Ego. Auf der einen Seite zerstört der egoistische Wunsch, jeden zu unterwerfen, unser Leben. Andererseits werden wir, wenn wir lernen, unsere Egos richtig zu nutzen, in der Lage sein, sie in das einzuschließen, was man „Hilfe gegen ihn“ nennt. Mit anderen Worten, wir werden in der Lage sein, sie in Hebel für die Entwicklung zu verwandeln, die uns auf der spirituellen Leiter von einer Stufe zur nächsten heben werden.

Mit unserem spirituellen Bestreben sollten  wir nicht das Ego aus der Welt tilgen, sondern vielmehr wollen, dass es bleibt und sogar noch wächst. Denn in dem Maße, wie wir uns bemühen, uns über es zu erheben, es mit einer guten Beziehung zu anderen bedecken, steigen wir auch zu höheren Graden in der Spiritualität auf.

Der Schlüssel zum Umgang mit Paradoxien liegt also darin, dass wir von einem System in dem wir nur an uns selbst denken, zu einem System übergehen, in dem wir an andere denken, ihre Bedürfnisse spüren und sie verstehen. Auf diese Weise bauen wir in uns ein zusätzliches System auf, das uns mit widersprüchlichen Sichtweisen versorgen wird. Wenn wir dann lernen, diese Absichten zu verbinden, wird ein höherer Intellekt unter uns erscheinen, der die heutigen Paradoxien auf einer höheren Ebene der Verbindung und Ergänzung auflöst.


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