Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

„Tod in der Professorenschaft“

Michael LaitmanAls ich einige Recherchen über moderne kabbalistische Quellen machte, stieß ich auf ein Buch von Prof. Moshe Idel mit dem Titel „Kabbalah: New Perspective“. Darin erwähnt er ein Gedicht von Prof. Gershom Scholem (1897-1982) – dem Begründer des modernen akademischen Zweigs der Kabbala. Aber bevor ich mehr über das Gedicht sage, hier ein wenig Hintergrund über den Autor.

Scholem widmete seine Karriere der Erneuerung der traditionellen Kenntnisse der Kabbala durch akademische und philologische Forschung. Beispielsweise beschreibt er in einem seiner Vorträge, der im Buch „Major Trends in Jewisch Mysticism“ veröffentlicht wurde, die Kabbala seiner Zeit auf folgende Weise: „Als Ergebnis des langwierigen Entwicklungsprozesses der Kabbala, während dem die Kabbala paradoxerweise die jüdische Geschichte beeinflusste, wurde sie wieder zur selben Sache, die sie zu Beginn war – eine esoterische Weisheit kleiner Gruppen von Menschen, denen der Kontakt mit dem Leben vorenthalten ist und die darauf keinen Einfluss haben. Ebenso schreibt Scholem im Artikel „On the Possibility of Jewish Mysticism in Our Time“: „Es besteht kein Zweifel, dass es in den letzten Generationen keine erwachten Individuen gab, die die mystischen Lehren in eine neue Form bringen oder bedeutsame soziale Bewegungen einleiten konnten.“

In diesem Artikel, wie in vielen anderen auch, bestreitet Scholem eine moderne Kabbala oder eine Kabbala des 20. Jahrhunderts. Er betont, dass Kabbala aufgehört hat, eine wichtige Rolle in der Jüdischen Kultur seiner Zeit zu spielen und dass keine originären und innovativen kabbalistischen Methoden seit dem 18. Jahrhundert hervorgebracht wurden! Dieser Standpunkt ist besonders offensichtlich im Artikel „On the Possibility of Jewish Mysticism in Our Time“. Scholems Einstellung zur Kabbala seiner Zeit wird auch vom neuzeitlichen Forscher Prof. Boaz Hoss, im Artikel „Don´t Ask All Questions“ beschrieben.

Wenn man all dies betrachtet, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass Gershom Scholem, der Begründer der neuzeitlichen akademischen Kabbalaforschung, und ein von der gesamten akademischen Welt anerkannter Gelehrter, nie ein Wort in irgendeiner seiner Untersuchungen über Baal HaSulam, dem größten Kabbalisten seiner Zeit, gesprochen hat, noch von dessen Arbeiten über die Kabbala. Wie kann ein Wissenschaftler so etwas übersehen? Das ist ein Beispiel für Neid, Unlauterkeit und kleinlichem Egoismus, die es einem Forscher nicht erlauben, der Wahrheit zu begegnen: sich und der ganzen Welt einzugestehen, dass alle akademische Forschung der Kabbala – alles außerhalb ihrer Erkenntnis – falsch ist!

Als ich eine Reihe von Vorträgen an amerikanischen Universitäten hielt, habe ich unterschiedliche Kommentare über Gershom Scholem gehört. Im Besonderen gebe ich eine markante Aussage des Rektors der Universität von Illinois wider, der gesagt hat: „Gershom sprach über Kabbala, aber Sie sprechen von der Kabbala. Er forderte die Leute dazu auf, sie mit ihrem Verstand zu erforschen, während Sie die Leute auffordern, sie mit ihren Gefühlen zu betreten.“

Das Gedicht, das unten folgt, wurde von Gershom Scholem kurz vor seinem Tod geschrieben, und es zeigt, dass trotz allem, er sich schlussendlich eingestand, dass er sich in Dunkelheit befindet und nicht das erreicht hat, was in den kabbalistischen Texten verborgen liegt. Dennoch wird die oberflächliche, akademische Herangehensweise und die Unlauterkeit in der Kabbalaforschung, die er aussäte, von seinen Studenten weiter praktiziert.

„Tod in der Professorenschaft“ war ein Ergebnis der Ablöse der Kabbalaforschung „durch sich selber und in sich selbst“ (oder anders gesagt, indem man sich selbst in Angleichung an das Höhere Eine korrigiert) durch eine akademische Forschung, die „außerhalb von sich selbst“ ausgeführt wird (in Verbindung mit Meditation nach Abulafia).

„Vae Victis“ (Wehe den Besiegten) oder „Tod in der Professorenschaft“
Ich warf mich in uralte Bücher.
Ich war voll Ehrfurcht vor ihren Zeichen.
Ich verbrachte zuviel Zeit mit ihnen allein.
Ich konnte sie nicht länger hinter mir lassen.

Der Schimmer der Wahrheit ist uralt,
Dennoch ist das Unheil unerwartet:
Die Generationen sind schwach verbunden,
und das Wissen ist nicht rein.

Ich brachte zurück das verschwommene Angesicht
Aus der Fülle der Zeit.
Ich war bereit in den Abgrund zu springen,
Aber war ich wirklich gerüstet?

Die angestammten Symbole sind hier erklärt;
Der Kabbalist war kein Dummkopf.
Aber was die wandelnde Zeit beabsichtigte
Blieb fremd, jenseits unserer Möglichkeiten.

Verwandelte Zeit warf uns einen furchterregenden Blick zu,
sie ist nicht geneigt, sich wieder wegzudrehen.
Dennoch wachsen spürbar verlassene Freuden heran
Sobald sich deine Vision in Schmerz aufgelöst hat.

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