Kabbala und der Sinn des Lebens - Michael Laitmans persönlicher Blog

Das Böse, das in Gutes eingekleidet ist

Frage: In der Methodik der integralen Erziehung darf man dem Menschen keine schlechten Beispiele liefern. In der Psychologie ist das allerdings anders: der Mensch kommt, erzählt etwas über seine Probleme, und dann stellt sich sofort heraus, dass er selbst alles falsch macht. Auf diese Weise wird er mit seinen bösen, schlechten Charakterzügen konfrontiert, die er später zu korrigieren versucht.

Meine Antwort: Wir bevorzugen eine grundlegend andere Herangehensweise: Es gibt nichts Böses! In der Welt gibt es überhaupt kein Übel! Selbst wenn uns die ganze Natur böse vorkommt. Letzteres geschieht nur deshalb, weil wir sie falsch verwenden. Wenn wir sie anders verwenden würden, würde sie zum absolut Guten werden. Und wir könnten sogar den Egoismus zu unserem Nutzen statt zu unserem Nachteil einsetzen.

Wenn ich die eigene Selbstsucht als mir entgegengesetzt wahrnehme, dann heißt das, dass ich beginne, sie zu erforschen und mit ihr zu arbeiten, indem ich sie als Instrument für den Aufstieg benutze. Dann wird sie für mich zum Ausgangspunkt, zum Etalon, an dem ich mich messen kann: in dem Maß, in dem ich aufsteige, verändere ich mich auch.

Ich betrachte meinen Egoismus wie ein mir vorgegebenes negatives Wesen, welches mit meiner Hilfe in die richtige Absicht eingekleidet werden soll: ich soll ihn für das Geben, für die Liebe, für die Verbindung benutzen. Dann wird der Egoismus zu einer ständigen Hilfe für mich; er wird mich die ganze Zeit anstoßen, zur Seite schieben, und ich werde als Gegengewicht zu ihm alle Mittel anwenden, um mich über ihn zu erheben. So wird er zum Helfer „gegen mich“.

Wir wissen, dass ein beliebiges sich entwickelndes System aus zwei einander entgegengesetzten Kräften bestehen muss. Und diese entgegengesetzte Kräfte, gleichen einander aus und kommen so zum besten Ergebnis, zum allgemeinen Nenner.

Deshalb soll meine Selbstsucht durch das Verlangen, mich darüber zu erheben, ausgeglichen werden. Dabei stütze ich mich auf die Umwelt, auf die Familie, auf die Freunde und die Gesellschaft, um ihn zu besiegen. Eben diese zwei Systeme: die Gesellschaft und die Umwelt einerseits, und mein Egoismus andererseits helfen mir dabei. Und ich stehe zwischen ihnen und erziehe mich auf diese Weise.

Im Endeffekt erforsche ich den eigenen Egoismus, offenbare darin jene Eigenschaften, mit deren Hilfe ich über mich hinauswachsen kann, ihn für das Geben, für den Aufstieg, für die Freude, also als Hilfe verwenden kann. Er wird für mich zur Kraft, zur Masse, zum Material, mit dem ich arbeite. Ich zerstöre ihn keinesfalls! Er entwickelt sich in mir immer weiter! Ich begegne mit Freude allen Nuancen seiner Entwicklung!

Der moderne Mensch begegnet ihm mit Bitternis und ist sofort beleidigt: „Wieder ich! Was habe ich gemacht?!“. Und das bin nicht ich! Auf diese Weise wird uns absichtlich unsere in höchstem Maß egoistische Natur offenbart, damit wir uns ständig vereinigen.

Deshalb ist die Selbstsucht ein Motor, der uns vorwärts bewegt. Alle ihre Formen, selbst ihre schrecklichsten Erscheinungsarten, sind für uns notwendig, damit wir sie in schöne Gewänder kleiden.

In unserem Inneren bleibt diese Bitternis und dieses Zittern bestehen! Aber indem wir darüber eine ganz andere Hülle stülpen, erschaffen wir eine Dissonanz, einen Dipol aus jeder einzelnen unserer Eigenschaften, die uns in der Folge helfen, diese Macht der Selbstsucht noch zu vergrößern und sie für das Geben zu benutzen – so dass eine grundsätzlich andere Konstruktion, nämlich „der Mensch“ entsteht.

Jetzt kommen wir zum ersten Mal in der Geschichte dem Zustand näher, in dem wir uns über das Niveau unserer materiellen Existenz (über den physischen Körper) erheben können: wir erschaffen dadurch eine ganz andere spirituelle Konstruktion – die allgemeine virtuelle Menschheit, in der alle verbunden sind und sich gegenseitig ergänzen. Und dieser einheitliche Integralmechanismus, Adam, das heißt der Prototyp des allgemeinen Menschen in der Welt, ermöglicht es uns, alle Kräfte der Natur und alle ihre Tiefen zu begreifen und auf die richtige Weise anzuwenden.

Somit sollten wir unsere Selbstsucht keinesfalls unterdrücken oder ausgleichen, sondern uns darüber wie ein Bildhauer freuen, der einen guten Werkstoff für seine Skulptur gefunden hat. Natürlich steht ihm noch viel Arbeit bevor, um daraus eine neue Form zu erschaffen. Aber er ist froh, dass dieses Material in seine Hände geraten ist.

Genau dasselbe geschieht hier. Die Offenbarung des Egoismus ist jenes neue Material, an dem ich arbeiten kann. Und wir müssen nicht das Material selbst, sondern nur seine Anwendung verändern: es statt für uns selbst, für die anderen einsetzen.

Aus dem 7. Gespräch über die integrale Erziehung, 14.12.2011

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